Als ich einmal einen Vortrag von Daniel J. Siegel über Kindererziehung, Neurobiologie, Meditation und Resilienz hörte, forderte er die Zuhörer auf, die Augen zu schließen und auf die Gefühle zu achten, während er sprach. Ich schloß die Augen, und er sagt mit Nachdruck: “Nein.“
Dann wiederholte er laut und eindringlich: “Nein.“ Er sagte es siebenmal. Nach einem Moment sagt er freundlicher: “Ja.“
Dann noch einmal sanft: “Ja.“ Und ganz ruhig: “Ja.“ Auch das Ja wiederholte er siebenmal. “Und nun öffnen Sie die Augen“, forderte er uns auf.
“Was haben Sie empfunden? Beginnen wir mit dem Nein.“ Aus dem Publikum hört man: “Ich fühlte mich bedrängt, Angespannt, Ich merkte, wie ich zusammenzuckte, Ich fühlte mich gefangen, gescholten, Mein Herz raste.“ Danach fragte er uns, was wir bei dem Ja empfunden haben.
Die Leute drumherum sagten sowas wie, “Aufgeschlossen.“, “Offener.“, “Ruhig.“, “Leichter.“
Daraufhin erklärte Daniel J. Siegel, dass die geistige Situation des auf Widerstand beruhenden Nein Angstreaktionen wie kämpfen, fliehen oder erstarren stimuliert. Befinden wir uns dagegen in einem geistigen Ja – Zustand, der Empfänglichkeit (also Akzeptanz) bedeutet, wird in unserem Gehirn das System fürsorglicher und sozialer Verbundenheit aktiviert, und wir empfinden Klarheit und Ruhe.
Widerstand (das Nein-Gehirn) erfordert eine große Menge Energie und Konzentration. Nein ist ein Gedanke des Widerstands und zugleich ein mächtiger Aktivator des Nervensystems. Es stimuliert unseren Sympathikus (verantwortlich für die Kampf- oder Fluchtreaktion) und überschwemmt das Gehirn mit einem Cocktail aus Stresshormonen – Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin. Widerstand bedeutet Kampf. Neurologischer Stress wirkt anstrengend, zermürbend und schmerzhaft.

Spiritualität…

Buddha bezeichnete Widerstand als den zweiten Pfeil. In einer berühmten Parabel beschreibt er den ersten Pfeil als die schmerzhaften Erfahrungen, die einfach Teil des Lebens sind. Doch der Schmerz, den wir durch den zweiten Pfeil erfahren, den Pfeil des Widerstands
(unsere negative Reaktion auf den ersten Pfeil), kommt daher, dass wir zu der Verletzung noch die Kränkung hinzufügen.
Wir denken Nein! oder Das kann nicht sein! oder Warum gerade ich? oder Ich kann das nicht ertragen!. Wir beißen die Zähne zusammen und ringen die Hände und verursachen damit den verkrampften, angespannten Schmerz des Widerstands. Diese Reaktion sorgt für eine höhere Stufe des Leidens; sie ist der zweite Pfeil.
Wir alle wissen, wie anstregend es ist, gegen die Realität anzukämpfen (Vor allem ich, die Träumerin des Jahrhunderts). Und doch ist es die verbreitetste Form des Leidens. Ich spreche von dem chronischen Schmerz und dem ‚Un-Wohlsein‘ (dem Mangel an Wohlbefinden oder Harmonie), die entstehen, wenn man sich wünscht, die Dinge wären anders, als sie tatsächlich sind oder waren.
Widerstand ist dunkel und negativ; er überschwemmt den Geist und macht uns blind für neue Möglichkeiten. Der Psychiater und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung sagt, dass der Widerstand gegen etwas dieses nicht nur fortbestehen lässt, sondern sogar noch größer macht.
Anders gesagt, vergrößert der Widerstand sich selbst.
Wenn man in seinem Widerstand verharrt, wächst seine Macht. Aber das Letzte, was wir erreichen wollen, ist die Verstärkung genau der negativen Gefühle, die wir loszuwerden versuchen; wer möchte mehr Ärger, Vorwürfe, Schmerz, Sorge oder Wut? Während Widerstand uns zu einem Opfer genau des Negativen macht, das wir nicht wollen, befreit uns die Akzeptanz.
Wenn man den Widerstand aufgibt und sich dem Problem zuwendet, sich in es hineinbegibt, sich ihm ergibt, dann verliert das Negative seine Macht über uns und Frieden und Heilung stellen sich ein. Oft ist die Qual des Widerstands selbst, die den Prozess des Akzeptierens in Gang setzt. Denn Widerstand ist schmerzhaft, und in unseren dunkelsten Stunden des Ringens stellt sich vielleicht die Ahnung ein, dass es eine andere Art geben muss, damit umzugehen, einen Weg, weniger zu leiden. Hinter dieser Ahnung zeigt sich das Licht des Annehmens.

“Gegen die Realität anzukämpfen, ist anstrengend.“

Das anzunehmen, was ist, bedeutet, Ja zu sagen – Ja zu unseren momentanen Gefühlen, Ja zu anderen Menschen, so wie sie sind und schließlich Ja zu unserer Situation. Das heißt nicht, dass wir das, was passiert, gut finden oder es billigen. Es heißt nur, dass wir uns damit abfinden müssen, weil es im Moment eben das ist, was wir haben.
Um sich mit einer gegebenen Situation abfinden zu können, muss man zuerst einmal die dadurch hervorgerufenen Gefühle genau so akzeptieren, wie sie sind. Man gesattet sich einfach, diese Gefühle zu haben, auch wenn man wünscht, dass die Dinge anders wären (der Schlüssel dafür ist Selbstmitgefühl). Während man seine Gefühle annimmt und sein Erleben mitfühlend zulässt, verändert sich etwas: Es ist, als würde man sich jetzt mit dem Strom bewegen, nicht gegen ihn.
Entspannung bereitet sich aus. Und damit ändern sich Dinge. Du musst dir vorstellen, es wie in der Kampfkunst Aikido, bei der man lernt,
die aggressive Energie des Gegners aufzunehmen, anstatt dem Impuls abzuwehren, und so vermeidet, getroffen zu werden.
Man neutralisiert die Feindseligkeit. Wenn man bewusst mit dem geht, was ist, anstatt dagegen anzukämpfen, bewegt man sich stressfrei.
Man lebt dann mit den Dingen, wie sie sind, anstatt seine Energie darauf zu verschwenden, zu wünschen, Du möchtest doch anders sein.
Stell Dir die Erleichterung vor, eine Ruhepause zu haben, zu atmen, sich zu entspannen – zulassen, dass das, was ist, nun einmal so ist, jedenfalls im Moment. Auch wenn das nichts an der Situation ändert, wirst Du merken, dass sich durch das Annehmen alles verändert. 
Sehen wir uns nun genauer an, wie dieser Prozess des Akzeptierens sicht entfalten könnte.
Anna, 45, kam damals in unsere psychiatrische Praxis, wo ich als Medizinische Fachangestellte tätig war, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Ehemann Jens seit sechs Monaten eine Affäre mit einer Arbeitskollegin hatte. Das Paar war seit 18 Jahren verheiratet. Während Jens duschte, sah Anna sein Handy aufleuchten –  eine Nachricht von der anderen Frau.
Anna war, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube bekommen. Als Jens aus dem Badezimmer kam, stellte sie ihn zur Rede. Zuerst stritt er alles ab. Nachdem Anna ihn unter Schluchzen immer weiter bedrängte, gab er schließlich zu, was beide schon wussten.
Annas Vorstellung von ihrem perfekten Leben brach zusammen. Anna kam dann zusammen mit Jens zu uns in die Praxis. Jens zeigte große Reue und war sofort bereit,die Affäre zu beenden.
Ich betrachtete dies als positives Zeichen, denn ich erlebe oft Paare, bei denen es kaum Reue gab. Jens ließ sich sogar in eine andere Abteilung seiner Firma versetzen, um einen Abstand zwischen sich und die andere Frau zu bringen.

“Wenn Anna nicht irgendwann ihren Widerstand aufgeben kann, dann wäre es nicht Jens Affäre selbst, die die Ehe zerstörte, sondern die Nachwirkungen.“

Anfangs war Annas Haltung sehr starr: “Das hätte einfach nicht passieren dürfen.“ Sie befand sich in einem durchaus gerechtfertigten Zustand des absoluten Widerstands. Sie fühlte sich betrogen, und ihre Welt war zersprungen, was ihr extremen Schmerz zufügte.
Ihr Nervensystem war alarmiert und in chronischen Kopfmodus versetzt worden.
Immer wieder grübelte sie darüber nach, was passiert war, und wollte alle Einzelheiten jedes Treffens erfahren. Jens war bereit, davon zu erzählen, aber jede weitere Information machte seine Frau nur noch wütender. Anna befand sich in einem schrecklichen Zustand in dem sie ihren Mann nicht mehr akzeptieren konnte (sie dachte, er wäre immer ehrlich und zuverlässig.), sich gegen ihre Situation wehrte (sie wünschte sich, es wäre nie passiert.) und die Vergangenheit verwünschte.
Sie hatte sogar Schwierigkeiten, sich selbst anzunehmen (Sie dachte, sie wäre eine schreckliche Ehefrau.) Sie litt unter jeder Form des Nicht-Akzeptierens. Sie empfand kein Mitgefühl mit Jens, mit der anderen Frau oder mit sich selbst.
Tief in ihrem Innern verbarg sich eine unausgesprochene Scham, denn Anna meinte, das Geschehene verdient zu haben, weil die keine perfekte Ehefrau gewesen war. Die Reise vom Widerstand zur Akzeptanz dauerte bei Anna und Jens Monate. Annas hartnäckiger Widerstand verhinderte, dass sie in der Lage war, sich weiterzubewegen.
Immer wieder machte sie Jens Vorwürfe, gab sich selbst die Schuld, wünschte sich, dass alles anders wäre und kaute das Vergangene ständig durch. So steckten die beiden fest. Für mich war klar: Wenn Anna nicht irgendwann ihren Widerstand aufgeben kann, dann wäre es nicht Jens Affäre die die Ehe zerstörte, sondern die Nachwirkungen. Eine Heilung war nur möglich, wenn Anna es schaffen würde ihre Situation anzunehmen.

Der Beginn der Veränderung..

Selbstmitgefühl war der Schlüssel für Anna. Indem sie sanft und mit Verständnis die Größe ihres Schmerzes und ihres Verlusts anerkannte, machte sie den Weg für eine Veränderung frei. Sie überließ sich ganz ihrem Kummer, ohne zu wünschen, dass alles anders wäre.
Ihr Herz öffnete sich nach und nach, bis sie schließlich innerlich zur Ruhe kam, erst durch das Annehmen ihres Schmerzes
(Das ist, was ich fühle.), und dann durch die Annahme ihrer Situation (Das ist mir widerfahren.) Indem sie ihr eigenes Erleben nun anerkannte, anstatt zu versuchen, es sich auszureden, konnte sie sich selbst trösten. Sie ließ jetzt alle ihre Gefühle zu.
Diejenigen, die schrecklich waren (ihr Leiden), wichen einem Gefühl des Getröstetseins (ihre eigene Wertschätzung).
Was für eine Erleichterung, ihr Erleben zu billigen und anzunehmen, anstatt es wegzudrängen, zu bekämpfen, es zu verurteilen, sich ihm zu widersetzen. Wenn wir unsere Gefühle und unser Erleben eins nach dem anderen annehmen, reduzieren wir die Spannung und den Stress in Körper und Geist.
Neurologisch gesehen wird dabei das parasympathische Nervensystem aktiviert (das Alles-ist-gut-System des Körpers), sodass wir zur Ruhe kommen, uns entspannen und neue Energie gewinnen. Eine Haltung der Annahme, auch unserem eigenen Widerstand gegenüber, macht den emotionalen Raum frei, der vorher ganz von Widerstand eingenommen wurde. Nun sind wir frei, unsere Situation in Frieden anzunehmen.
Danach gibt es Raum für etwas Neues, für die dritte Phase der Reise –  neue Möglichkeiten. Wenn wir das Nein hinter uns gelassen und das Ja erreicht haben, entsteht Platz für die Frage “Und was jetzt?“. Dann erst können wir uns umschauen, nicht mehr mit Angst oder Wut,
sondern mit Neugier. Wir können mit einer größeren Klarheit des Geistes eine neue Perspektive finden – und so einer Veränderung den Weg bereiten.
Nachdem Anna ihren Widerstand aufgegeben und die Situation angenommen hatte, konnte sie weitergehen. Von dieser Position aus waren Anna und Jens in der Lage, gemeinsam daran zu arbeiten, eine neue Ehe aufzubauen. Offensichtlich hatte es in der alten Ehe Risse gegeben.
Mit der Zeit wurden in den Sitzungen die Jahre der Einsamkeit aufgedeckt, über die vorher nie gesprochen worden war. Anna wurde klar, dass sie keine schlechte Ehefrau gewesen war, aber einen großen Teil ihrer inneren Welt für sich behalten hatte. Sie war so sehr damit beschäftigt gewesen, ein perfektes Heim zu schaffen, dass sie Jens nicht an ihren Sorgen, ihren Kämpfen oder ihren Gefühlen hatte teilhaben lassen.
Und sie hatte auch verhindert, dass er an der Erziehung der gemeinsamen Tochter ausreichend beteiligt war. In Folge fühlte sich Jens isoliert, nicht mit Anna verbunden und nicht von ihr geliebt. Beide lebten in getrennten, einsamen Sphären.
Nachdem Anna und Jens ihre Vergangenheit erkannt und akzeptiert hatten, ging es bei der gemeinsamen Arbeit mit dem Therapeuten nun darum, Vertrauen und eine tiefere emotionale Verbindung aufzubauen. Anna konnte Jens tiefe Reue und seine von Herzen kommende Entschuldigung annehmen. Auf dieser Basis arbeiteten beide an den Bedingungen für und den Erwartungen an ihre neue Beziehung, in der sie sich offener austauschen, freier reden und sich stärker miteinander verbinden wollten.
Am Ende der gemeinsamen Arbeit waren sowohl Anna als auch Jens glücklicher. Anna sagte: “Nachdem ich von Jens Affäre erfahren hatte,
dachte ich zuerst, dass dies das Schlimmste sei, was mir jemals passieren konnte. Aber jetzt – nun, ich würde nicht sagen, dass es das Beste oder so war -, aber ich kann sagen, dass es ein Weckruf war. Eine Art Alarmglocke.
Und ja, es hat die Dinge für uns verändert“. Lächelnd fügte sie hinzu: “Wir haben eine zweite Chance bekommen.“ Ich war wirklich sehr gerührt, dass die beiden ihre Liebe neu gefunden hatten.
Und ich musste Annas Mut anerkennen und ihr Bemühen um Akzeptanz. Sie hatte diese zweite Chance ermöglicht. Wäre sie in ihrem Widerstand stecken geblieben, hätte ihre Ehe niemals die Chance zur Erneuerung bekommen.
Doch Anna war imstande, ihr Trauma anzuerkennen, ihre Gefühle und ihre Situation anzunehmen und ihr Herz für etwas Neues zu öffnen.
Ohne diesen aktiven Prozess der Akzeptanz hätten sie und Jens keine Chance gehabt.

Vom Leiden über innere Ruhe zu neuen Möglichkeiten – die Reise zur Akzeptanz verschafft dem Geist und der Seele Frieden. Und aus diesem tiefen inneren Frieden entspringt emotionale Freiheit. Bei jedem Einzelnen wird dieser Prozess anders aussehen, abhängig von seinem Hintergrund, seiner Persönlichkeit und seinem Temperament.
Die Art, wie jeder Einzelne seine Reise steuert, ist selbst eine einzigartige Übung in Akzeptanz.

Du reist auf deine Art, und das ist die richtige Art für Dich.

Wie würdest du in solch einer Situation handeln?